VIRTUELLE KONFRONTATION

Ein wesentlicher Meilenstein bei der Beseitigung der Angst- oder Panikstörung ist die Konfrontation mit den angstauslösenden Gedanken und Bildern. Sie werden dies im Laufe der Zeit immer wieder tun müssen. Es gibt zwei verschiedene Methoden: Sie können sich virtuell in Gedanken mit angstauslösenden Bildern beschäftigen oder Sie können in der zweiten Stufe dieser Situationen konfrontativ in der Realität angehen.

Die ständige Konfrontation mit den angstauslösenden Momenten wird Ihnen im Laufe der Zeit die Angst vor diesen Dingen nehmen, weil Sie merken werden, dass diese Dinge in Wirklichkeit nicht so eintreten, wie Sie es in Ihren Vorstellungen befürchten. Hier sollen Sie jetzt lernen, dass Sie ehrlich und umfassend Ihre angstvollen Gedanken zu Ende denken, sobald diese beim nächsten Mal in Ihr Bewusstsein kommen. Setzen Sie sich bewusst mit dem Bild der Angst in Ihnen auseinander. Dann denken Sie die befürchteten Szenen konsequent zu Ende. Was sehen Sie? Was befürchten Sie? Befürchten Sie zu stürzen? Befürchten Sie sich vor allen anderen lächerlich zu machen? Was könnte schlimmstenfalls passieren, wenn Sie im Supermarkt stürzen? Werden Sie ohnmächtig? Was werden die anderen Menschen tun? Wie lange wird es dauern bis Hilfe eintrifft? Was wird man tun, wird man Sie ins Krankenhaus fahren? Was stellen Sie sich vor dem Arzt zu sagen, wenn Sie erwachen? Er wird Sie vielleicht fragen, ob so etwas schon öfter passiert ist?

Wenn Sie ein solches Krisenszenario fertig bis zu Ende gedacht haben, dann reagieren Sie auf alle gedachten Punkte mit konkreten Antworten: Was wird geschehen, werde ich umfallen? Nein, ich kann nicht umfallen, denn aufgrund meiner Angst ist so viel Adrenalin in meinem Körper ausgeschüttet worden und sowohl Blutdruck als auch Herzfrequenz sind angestiegen, sodass es in diesem Moment einfach nicht möglich ist ohnmächtig zu werden. Die Natur lässt es nicht zu, dass ein Wesen in Flucht- oder Kampfesvorbereitung einfach ohnmächtig wird. Das geht in diesem Moment physiologisch überhaupt nicht.

Sie sehen also, wenn Sie nicht umfallen können, was sollen also die anderen Ihnen helfen oder wozu sollte ein Arzt kommen? Wenn Sie soweit verstanden haben, dann sind Sie auf einem guten Weg, Herr über Ihre Ängste zu werden. Sollten Sie nicht auf die Natur und Ihren Organismus vertrauen und logische Erklärungen immer noch nicht annehmen wollen, dann seien Sie versichert, es dauert in deutschen Städten im Regelfall 7-9 Minuten, bis ein Notarzt vor Ort ist und selbst auf kleinen Dörfern im Durchschnitt nur 20 Minuten. Es könnte Ihnen also bei einer Ohnmacht eigentlich nicht viel passieren. Wahrscheinlich bekämen die Menschen um Sie herum einen viel größeren Schrecken. Ihre Atmung und Ihr Herzschlag werden bei einer Ohnmacht bestens von alleine weiterlaufen, kein Grund also zu größerer Besorgnis. Etwa 80 % aller Bürger dieses Landes sind in erster Hilfe kundig und könnten Ihnen beistehen. Also, das Krisenszenario Supermarkt ist am Ende keines mehr wenn Sie es mehrfach konsequent analysieren.

Wovor haben Sie Angst? Dass Sie im Kino eingekeilt zwischen Menschen sitzen und Ihnen vermeintlicherweise der Ausgang versperrt wäre, wenn „etwas" mit Ihnen wäre? Da Kinos meist zwei oder mehrere Notausgänge haben, kann der Hinweis auf einen versperrten Ausgang wirklich als unlogisch zurückgewiesen werden. Darüber hinaus sollten Sie sich fragen, was denn mit Ihnen sein sollte? Dass Sie bei Angst und Panik nicht in Ohnmacht fallen, haben wir ja schon erörtert. Haben Sie Angst, dass Ihre Atmung zu schnell geht und Sie deshalb umfallen? Während Sie darüber nachdenken, wird Ihre Atmung bereits schneller? Sie haben doch bereits in einer kleinen Übung erfahren dürfen, dass Ihre Atmung wunderbar ohne Ihre Kontrolle funktioniert und dass diese Atmung sehr schnell wieder zum normalen und physiologischen Rhythmus zurückfindet, sobald Sie „loslassen" und geschehen lassen. Wenn Sie hin und wieder Hyperventilieren oder Ihnen Ihre Atmung zu schnell oder unangenehm vorkommt, gibt es einfache Methoden alles wieder zu normalisieren. Im dunklen Kino z. B. könnten Sie Ihre beiden Hände zu einer Muschel oder einem großen Hohlraum schließen und über Mund und Nase halten. Atmen Sie eine kurze Weile in den Hohlraum Ihrer Hände, das normalisiert Ihre Blutgase wieder und die von Ihnen gefürchteten Wirkungen bleiben aus. Genauso gut könnten Sie eine kleine Tüte mitnehmen und dorthinein atmen. Kaum jemand würde dies im Kino bemerken. Also was soll im Kino geschehen?

Alles was Sie an Schreckensszenarien aufbauen, können Sie durch konsequente Analyse wieder abbauen. Nehmen Sie sich einen Zettel und schreiben Sie diese Analysen Ihrer Angst und Befürchtungen auf. Sehr bald werden Sie Ihren eigenen Erklärungen, die ja auch vollkommen logisch sind, vertrauen und die Angst verliert ihre Irrationalität. Dies muss selbstverständlich in Kombination mit einer abgestuften Konfrontationstherapie in Realität geschehen. Das bedeutet, die Situationen müssen später real abgearbeitet werden.

Wesentlich bei der Visualisierung der Angst und der Beantwortung der sich selbst gestellten Fragen, ist eine konsequente Ehrlichkeit. Wenn Sie nicht in der Lage sind, sich eine ehrliche Antwort auf diese selbst gestellten Fragen zu Angstparametern zu geben, dann bitten Sie einen Familienangehörigen darauf zu antworten. Erklären Sie einem Familienangehörigen, dass Sie möglicherweise Angst haben im Restaurant zu sitzen und dann nicht mehr schlucken zu können oder später einfach nicht mehr von dem Stuhl aufstehen zu können. Ihr Familienangehöriger wird Ihnen zu Recht antworten, dass so etwas nicht realistisch ist und nicht passieren wird.

Ich möchte Ihnen hier eine einzige Frage stellen: „Wird Ihr Auto morgen noch fahren?“ Jetzt werden Sie antworten, dass Sie oder Ihr Ehepartner soeben noch damit gefahren sind und dass das Auto ganz sicher morgen noch fahren wird. Jetzt frage ich Sie, warum sollten Sie also morgen nicht mehr das tun können, was Sie gerade eben noch getan haben, beispielsweise zu schlucken.

Erkennen Sie das System bei der virtuellen Konfrontation mit der Angst? Viele der befürchteten Situationen sind nur deshalb Furcht erregend, weil Sie diese nicht zu Ende denken. Beim „zu Ende denken" wird sehr schnell klar, dass selbst dem allerängstlichsten Betroffenen auffällt, dass manche befürchteten Sachen einfach nicht sein können.

Haben Sie Angst im Theater oder Kino nicht schnell genug herauszukommen, wenn Sie im Rahmen einer Panikattacke einen Harndrang verspüren? Viele Menschen gehen auch während der Kinovorführung zur Toilette, absolut problemlos. Sie können in allen modernen Kinos heute Plätze reservieren. Nehmen Sie also einen am Anfang der Reihe, dann stören Sie niemanden, wenn Sie mal müssen. Es gibt also auf alle Fragen der visualisierten Angst eine probate und ehrliche Antwort. Sie brauchen sich keinerlei Märchen einzureden, denn jede Befürchtung hält rationalen Erklärungsmustern nicht lange stand.

Auch den so oft gefürchteten Schwindel können Sie sich vorstellen. Spüren Sie in der Visualisierung wie Sie schwanken während des Gehens, wie Sie das Gefühl für Ihre Fußsohlen verlieren, nicht mehr merken, wie der Untergrund beschaffen ist? Sie haben gedanklich nun den häufig bei Panikattacken dominanten Schwankschwindel beschrieben, eine Gangunsicherheit. Diese rührt aus vielerlei Falschinterpretationen von Muskelrezeptoren her und hat rein gar nichts mit dem Schwindel zu tun, den es auch bei Kreislauferkrankungen gäbe. Der Schwankschwindel wird so schnell verschwinden, wie Sie ihn ignorieren und sich endlich einmal richtig entspannen. Dieser erlebte Schwindel wird zu einem wesentlichen Teil auch durch Verspannungen hervorgerufen. Er bleibt auf einem gewissen vorherrschenden Level stehen. Es wird Ihnen also auch dadurch nichts geschehen. Selbst wenn es Ihnen sehr schwindlig wäre, so könnten Sie im Kino oder im Eiscafé ja sitzen bleiben, bis es wieder besser geht. Meist werden Sie über den spannenden Film, das Theaterstück oder den konzentrierten Einkauf im Supermarkt, den Schwindel vergessen und ihn solange auch nicht mehr erleben. Also auch kein ernstliches Problem, das Haus nicht mehr zu verlassen.

Arbeiten Sie von nun an täglich alle Ihre Befürchtungen durch. Beantworteten Sie sich ehrlich immer wieder dieselbe Frage: „Wie oft ist die erwartete oder befürchtete Schlimmste aller anzunehmenden Situationen eingetreten?“ Wahrscheinlich ist diese Situation noch nie eingetreten. Deshalb besteht auch genauso wenig die Gefahr, dass sie morgen eintritt.

Die Konfrontation mit Ihrer Angst ist die einzige Möglichkeit, wie Sie die angstauslösenden Assoziationen, welche mit verschiedenen Situationen verbunden in Ihrem Unterbewusstsein gespeichert sind, aufheben können. Es geht darum, durch eine gewisse Habituation oder eine andere Korrelation eine Neukonditionierung dieser Gedanken zu erreichen. Durch die häufige Auseinandersetzung mit den Bildern und Situationen, die für Sie Angst bedeuten, kann im Laufe der Zeit eine Abschwächung dieser Angst erreicht werden.

Bereits Goethe war einer der Entdecker der Konfrontationstherapie. Goethe litt unter großer Höhenangst. Er setzte sich lange und intensiv damit auseinander, wie er diese Angst wieder loswerden würde. Goethe handelte, indem er gewissermaßen als Laie bereits die Mechanismen der Konfrontation und Habituation einsetzte und seine Höhenangst tatsächlich komplett damit heilte. Goethe schrieb, dass er auf den Turm des Straßburger Münsters gestiegen sei und so lange dort oben geblieben sei, bis die Angst verschwunden war.

Eine umfangreichere Aufklärung und Anleitung zur Selbsthilfe finden Sie in dem Ratgeber:

Das Angst - Schema
Wege zur Befreiung von Angst und Panikattacken
Autor: B.A.Pelzer
Erscheinungsdatum September 2003
ISBN: 3-8830-1041-X

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