SICHTWEISE ÜBERPRÜFEN




Menschen die an generalisierten Angststörungen leiden, stehen vielfach unter einem enormen Leistungsdruck in Beruf, Haushalt, Familie und Gesellschaft. Aus vielfachen Schilderungen der Betroffenen weiß man, dass ein „immer richtig machen wollen" sehr oft in eine überzogene Selbstkritik führt. Das Erleben eigener „Fehler" und eigenen „Versagens" führt zu einem Lerneffekt, der ein hohes Anforderungsprofil von Perfektion auf sich und andere fokussiert. Dabei wird „Nichtentsprechen" der Anforderung als etwas Negatives, als „Schiefgehen" oder „Versagen" erlebt. Vielfach kommt es damit zu einer ersten „Versagensangst". Damit sind erste Grundsteine für eine ständige negative Erwartungshaltung gelegt. Schnell kommt es zu einem ständigen Befürchten, dass Dinge nicht klappen. Das Schlimmste anzunehmen, wird plötzlich zu einer alltäglichen Situation. Eine erste moderate Möglichkeit aus diesem Teufelskreis von Anforderung, Druck, „es allen recht machen zu wollen", herauszukommen, ist eine Veränderung der Sichtweise Ihrer ganz persönlichen Welt.

Hören Sie auf die Welt nur in rechts und links, gut und schlecht, gerade und ungerade einzuteilen. Es gibt nicht nur schwarz und weiß, sondern auch Grautöne. Sie müssen das in der Schule und von Kindheit an immer wieder erlernte und erfahrene polare Lebens- und Weltbild wieder verlernen. Viele Menschen machen sich mit dem so geschaffenen polaren Weltbild das Leben einfach nur leichter. Sie müssen nicht mehr differenzieren, Sie müssen sich nicht mit Beurteilung und Abwägung verschiedenster Situationen auseinander setzen.

Lernen Sie ab sofort, dass Regeln auch Ausnahmen haben, dass es nicht nur schönes und schlechtes Wetter gibt, sondern auch zufrieden stellendes. Finden Sie sich damit ab, dass es nicht nur Idealbilder von schön und gesund, stark und reich gibt. Es gibt auch normal oder mittelmäßig, durchschnittlich fein oder durchschnittlich grob, halbgar oder leicht angeschmutzt. Fast sauber oder nicht wirklich schmutzig. Lernen Sie Zustände und Situationen großzügig und objektiv zu beurteilen. Unterwerfen Sie sich nicht den Ansichten anderer. Hören Sie auch auf alle Ansichten anderer als gesellschaftliche Zwänge anzusehen. Sie können Ihr Gras durchaus länger wachsen lassen als das Ihres Nachbarn. Ihr Auto darf öfter oder weniger gewaschen werden, so wie es Ihnen gefällt. Es gibt niemanden, der wirklich Naturgesetze schaffen kann, indem er etwas zur Normalität erklärt. Nur weil viele Menschen etwas machen, ist es noch lange nicht „normal". Schauen Sie einmal Ihre Welt durch die entpolarisierte Brille an. Was für Sie oder Ihre Nachbarn, für die Mehrzahl aller 80 Millionen Deutschen normal zu sein scheint, ist vielleicht für etwa eine Milliarde Inder gänzlich unnormal. Wie verhält es sich also mit dem Begriff normal? Nur was alle machen und wie alle leben, das ist normal? Wenn doch ein Sechstel der Weltbevölkerung, beispielsweise in Indien, ganz anders lebt, nach anderen Maßstäben, andere Prioritäten im Leben hat? Es kann also niemals statistisch normal sein, wie 80 Millionen Menschen in unserem Land leben. Nicht einmal alle Menschen der „ersten Welt" Zivilisationsländer zusammen, stellen eine statistische normale Mehrheit auf, die vorgeben kann, das das Leben welches sie vorleben normal ist. Halten Sie sich also nicht mehr mit polaren Ansichten auf. Es gibt immer und von allem Ausnahmen. Während Sie morgens mit Bus oder Bahn ins Büro fahren, geht am indischen Morgen in Madras ein gleichaltriger Mensch zum Abfallsammeln oder Elefantenhüten und ein Großunternehmer in Bombay lässt sich sein Frühstück von seinem Hauspersonal servieren. Während Sie Ihre erste Post im Büro erledigen oder Ihre Maschine in der Werkstatt anschalten, fängt ein Massai in Afrika an seine Ziegenherde zu hüten. Gleichzeitig lebt Joe Bentfeld, ein deutscher Abenteurer, am Yukon River in einer selbst gebauten Blockhütte und schreibt auf einer klapprigen Adler Schreibmaschine die Geschichte seiner Normalität. Merken Sie, was normal ist, kann immer nur im Auge des gleichpolarisierten Betrachters normal sein. Alle anderen Beobachter empfinden Ihre Normalität wahrscheinlich schon als unnormal. Bloß weil Sie in Ihrem Büro erst um 9 Uhr anfangen müssen zu arbeiten, wird ein Frühschicht-Arbeiter aus der Fabrik gänzlich anderer Ansicht sein, wann man normalerweise morgens aufsteht. Schaffen Sie sich ab sofort Ihre eigene Normalität. Normal ist, was Sie gerade machen und worauf Sie Lust haben. Legen Sie Ihr polares Weltbild ab, schaffen Sie sich ein multipolares Weltbild. Das nimmt Ihnen den ständigen Anforderungsdruck, dem Sie vermeintlicherweise entsprechen müssen. Korrigieren Sie selbst Ihr Anforderungsprofil, welches Sie an sich und andere haben.

Ändern Sie auch Ihre Sichtweisen, was die von Ihnen erlebten ständigen Befürchtungen betrifft. Nehmen Sie doch das Beispiel aus Indien. Wenn ein Inder wirklich einmal in den Bus steigt, wird er niemals befürchten mit dem Bus zu verunglücken. Freimütig setzen sich 30 Inder auch noch auf das Dach des Busses und der Fahrer wird mit einem atemberaubenden Tempo über Stock und Stein brausen. Die meisten indischen Busfahrer kommen voller Gottvertrauen trotz ihrer altersschwachen und dilettantisch reparierten, vollkommen überladenen Gefährte immer an. Alle Passagiere des überladenen Busses erreichen ihr Ziel.

Setzen Sie jetzt bitte Ihre eigenen Befürchtungen ins Verhältnis. Sie haben Angst in einen Bus zu steigen, weil vielleicht etwas schief gehen könnte? Der Bus, den Sie benutzen, ist 3 Jahre alt und nicht 30 wie in Indien. Er wird in einer Mercedes-Werkstatt von einem Meister gewartet und muss jedes Jahr zur technischen Überwachung und nicht NIE wie in Indien. Der Fahrer braucht einen speziellen Führerschein und wird ständig körperlich untersucht, ob er auch noch gesund genug ist, Personen zu befördern. Die Höchstgeschwindigkeit für Busse in Deutschland ist reglementiert. In Indien wird sie nur durch den Gegenwind und die PS Leistung des altersschwachen Gefährtes reguliert. Der deutsche Bus hat ABS und ESP, der Indische hat vielleicht glücklicherweise Bremsen. Was würden Sie also einem Inder erzählen, warum Sie nicht in einen deutschen Bus steigen möchten!

Sehen Sie nun ein, dass schon eine kleine Korrektur der Sichtweise Ihnen ein Schmunzeln entlocken kann, wenn Sie über Ihre ständigen Befürchtungen nachdenken? Ich hätte Ihnen jetzt auch endlose Statistiken darbieten können, auf wie viele Buspassagiere und wie viele Busfahrten ein schweres Busunglück kommt. Das wäre vielleicht etwas trockener gewesen. Es gibt überhaupt keinerlei Grund, warum der Bus mit Ihnen an Bord verunglücken sollte, weder statistisch noch sonst irgendwie realistisch belegbar. Das Gesagte gilt ebenso für alle Autofahrten und für Flugreisen.
Das zeigt uns, das es einfach nur auf die Betrachtung unserer Umwelt und unserer Lebensbedingungen mit offenen Augen ankommt.