KONTROLLE ABGEBEN

Bei der intensiven Betrachtung der Persönlichkeit vieler der betroffenen Agoraphobiker und Paniker fällt immer wieder auf, dass dies feinsinnige und intelligente Persönlichkeiten sind, mit einem Hang zum Perfektionismus. Im Alltagsleben dieser Betroffenen wird alles bestens geregelt und die Ansprüche an sich selbst, ihre Mitmenschen und die häusliche Umgebung werden auf sehr hohe Level gehoben. Kleine Störungen in den alltäglichen Abläufen bereiten den Betroffenen Unbehagen. Stets reagieren sie mit zunächst großer Sorge, später ärgerlich, wenn einmal ein Familienangehöriger zu spät kommt. Die intensive Suche nach vermeintlichen Fehlern gerade erstandener Gegenstände, die Reklamation von Kleinigkeiten und der allzeit im Vordergrund stehende Wunsch nach Vollkommenheit und Perfektion, lassen den Betroffenen nicht zur Ruhe kommen. Genau solch hohe Perfektionsansprüche werden sehr oft an den eigenen Körper gerichtet. Der Betroffene freut sich nicht, wenn er eine Sache gut gemacht hat; seine Gedanken drehen sich darum, wie er sie noch besser hätte machen können. Er ist zwar befriedigt von seinen sportlichen Leistungen, vergleicht dann jedoch sein Niveau mit dem eines Profisportlers in derselben Disziplin und kommt recht niedergeschlagen zu dem Schluss, dass er ja nur Durchschnitt sei. Er findet an der neu geklebten Tapete eine Fuge, die ihm so groß erscheint, dass er anderntags eine ganze Tapetenbahn entfernt und erneuert. Oft kontrolliert er den Handwerker in der Autowerkstatt mit Adleraugen, ob dieser sein Auto auch richtig repariert. Die Auskunft eines Arztes wird zunächst akzeptiert, kurze Zeit später andernorts hinterfragt, recherchiert und neu gewichtet. Eine zweite Meinung muss her und eine Dritte. Er ist ein Hansdampf in allen Gassen. Ein „Regler", der jede noch so ausgefallene Sache regeln kann oder es zumindest selbst versucht. Er ist eigentlich auch hoch belastbar, nur, wenn er an den Punkt kommt, wo andere ihm das „Regeln" aus der Hand nehmen, dann fällt er wie ein Kartenhaus zusammen. Oft wirft der anstehende Zahnarztbesuch ihn bereits Wochen vorher aus der Bahn.
Es ist dies nicht so sehr die Angst vor Schmerz, sondern das mangelnde Vertrauen in Dritte, was ihm zu schaffen macht. Überhaupt kann er die Kontrolle nie aus der Hand geben. Sobald er in ärztliche Umgebung oder in ein Krankenhaus kommt, fallen ihm unzählige Missstände auf und jeder Handgriff des Personals wird argwöhnisch beobachtet.
Ständig steht er im Wechselspiel der Gefühle, denn einerseits stellt er sich bei jedem gedanklichen Projekt, wie z. B. dem nächsten Urlaub, den allerbesten Ablauf vor, argwöhnt jedoch gleichzeitig ob der Reiseveranstalter auch die Tickets rechtzeitig schickt.
Alles was er nicht in seiner Kontrolle hat, verschafft ihm schlaflose Nächte. Er empfindet oft „ohnmächtige Gefühle", weil er auf manche Lebensereignisse keinen Einfluss hat. Der Tod als endgültige Kontrollabgabe macht ihm große Angst. Er befürchtet Krankheiten, weil er sich nichts Schlimmeres vorstellen kann, als hilflos zu sein. Ein Perfektionist legt hohe Maßstäbe an seine eigene Arbeit und richtet hohe Anforderungen an sein Durchhaltevermögen. Leider werden diese ganzen Kontrollmechanismen auch gegenüber dem eigenen Körper angewandt. Jeder noch so kleine Mangel an seinem Körper wird analysiert, stündlich überprüft und er sammelt alles an möglichen Informationen über diesen Mangel zusammen. Jetzt hat er die volle Kontrolle zumindest über das, was geschehen sein könnte und das, was daraus werden könnte. Die Kenntnis befriedigt ihn jedoch keinesfalls, sie ängstigt ihn. Hört er im Fernsehen in einer Gesundheitssendung etwas über Hautkrebs, beobachtet er vor dem Zubettgehen argwöhnisch seinen Körper, ob dort nicht bereits verdächtige Zeichen zu sehen sind. Er will früh genug die Kontrolle über drohendes Unheil übernehmen, bevor es zu spät ist. Seinen Herzschlag kennt er ganz genau. Er misstraut ihm trotzdem, lässt sich häufig untersuchen, stets in der Hoffnung keinen ernsthaften Befund zu bekommen.

Diese Schilderung ist sicherlich etwas überzogen, aber es sind außerordentlich häufiger Kontrollzwänge und Perfektionismus bei von Angst und Panikkrankheiten betroffenen Menschen zu finden als im Bevölkerungsdurchschnitt.

Ein wesentlicher Schritt um aus Angst und Panik herauszukommen, ist zunächst sich selbst mit dem Thema Kontrollverlustangst und Perfektionsanspruch auseinander zu setzen.
Sie müssen zunächst einmal mit ganz kleinen Schritten anfangen, wieder Vertrauen in Ihren Körper und dessen Funktionsfähigkeit zu finden. Wenn Sie Schritt für Schritt das Vertrauen wiederfinden, werden nach und nach Ihre Panikattacken seltener werden, bis sie ausbleiben.